Auf Foodtour in Barcelona

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Vor zwei Wochen war ich in Barcelona und hatte mal was Neues gewagt: ich hatte eine Foodtour bei Devour Barcelona gebucht – und wurde sehr positiv überrascht. Überhaupt habe ich an den Wochenende sehr viel neues über Barcelona abseits der ausgetretenen Touristenpfade erfahren und die Stadt in ganz neuem Licht erlebt.

Aber beginnen wir mit der Foodtour: gleich morgens mache ich mich auf, schlendere durch die Altstadt zum Markt Santa Caterina. Dort treffe ich auf den Rest der Gruppe: Norah, die uns herumführen wird, und sonst außer mir nur AmerikanerInnen. Insgesamt ist die Gruppe mit 9 Personen sehr klein, was sehr angenehm ist und man so viel mehr mitbekommt.

Wir beginnen in der Granja Camprodon gleich hinter dem Markt. Granja bedeutet Stall, früher hatten diese Geschäfte im Hinterhof ein paar Kühe stehen, von denen sie direkt die Milch verkauft und ein paar Milchprodukte hergestellt haben. In der Hitze Spaniens und ohne gescheite Kühlung die einzige Möglichkeit, um frische Milchprodukte zu vertreiben. Heute gibt es keine Kühe mehr, dafür viel spanischen Käse und Wurstwaren.

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Zum Frühstück bekommen wir statt Kaffee ein ordentliches Glas Cava und ein Weißbrot, traditionell mit Tomate eingerieben und einer frisch gebratenen Wurst aus Eigenproduktion. Der Cava wird nicht in sparsamen eleganten Gläsern serviert sondern in normalen Wassergläsern. Norah erzählt, dass es rund 130 Cavahersteller gibt, die katalanischen Cava von 1A-Qualität herstellen. Cava kann bis zu 5 Jahre reifen und ist spritzig, fruchtig. Die Spanier versuchen, ihn immer mehr auf dem Europäischen Markt zu platzieren, wo Champagner und Prosecco immer noch die Nase vorne haben.

Als nächstes Besuchen wir den Markt Santa Caterina. Der Markt wurde schon 1848 in Betrieb genommen und 2005 komplett renoviert. Blickfang ist sein geschwungenes Dach, das mit farbenfrohen Kacheln verziert ist. Leider sieht man davon von unten wenig, über dem Eingang kann man das Gesamtausmaß des Daches ein wenig erahnen. Wir schlendern an Fischständen vorbei, werden auf die recht dickfleischigen Sardellen hingewiesen und den eingesalzenen Stockfisch.

Norah erzählt, dass man beim Fischhändler in Barcelona immer ewig lange braucht, weil die Katalanen Gräten in ihren Fischen hassen. So lassen Sie sich von den Fischhändlern immer feinsäuberlich die Gräten aus den Fischfilets zupfen, was eben eine weile Zeit in Anspruch nimmt.

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Bei der Fromatgeria Carles machen wir unseren ersten Halt und verkosten drei Sorten Käse: einen Mao Super-Sec aus Menorca (Kuh, mehr als 5 Monate gereift), einen klassischen Manxego aus Zentralspanien (Schaf, 3-5 Monate gereift) und einen Cabra Catala aus Katalonien (Ziege, 3 Monate gereift). Mir schmeckt vor allem der Käse von Menorca – cremig, aber doch kräftig im Geschmack.

Nächster Halt ist die Cansaladeria Antonio Iberics, am Standl hängen Schweinefüße, unzählige dicke bis dünne Würste und andere Köstlichkeiten. Dort verkosten wir zweierlei Würste, einen Serrano- und einen Ibericoschinken. Serranoschinken wird aus normalen rosa Schweinen gemacht, Iberico aus den typischen schwarzen Schweinen, die sich zudem von Eicheln ernähren. Das macht auch seinen herausragenden Geschmack aus – und erklärt seinen stolzen Preis. Insgesamt sind alle Sorten sehr intensiv im Geschmack und sehr würzig.

Wir versuchen dort auch aus der Porrón zu trinken. Diese besondere Karaffe wurde erfunden, als man noch nicht so viele Gläser hatte, da man aus ihr berührungsfrei trinken kann. Es bedarf ein wenig Übung, da der Wein einem parabelförmigen Bogen mit einem ordentlichen Strahl aus der Karaffe spritzt und man immer Abstand zum Mund halten muss. Gut, wenn man also grad ein rotes T-Shirt an hat, so wie ich…

Samstags herrscht am Markt reges Treiben, alle kaufen ein oder gönnen sich eine Pause mit einem kleine Snack in der Bar.

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Vom Markt schlendern wir durch Born, das alte Viertel der Händler, zu unserem nächsten Ziel. Norah erzählt uns viel über das Leben früher in diesen Vierteln, wie man verloren ging und sich zurecht finden konnte, von Belagerungen und Edelleuten. Natürlich ist auch die Sprache der Katalanen Thema und die angestrebte Unabhängigkeit.

Hier sind mir in Barcelona jedoch zwei Meinungen begegnet: einmal jene, die meinen, um jeden Preis weg von Spanien und auf der anderen Seite jene, die meinen, man müsse sich schon auch die Folgen überlegen und dann schauen, was das beste wäre. Die Unzufriedenheit mit Madrid ist auf jeden Fall überall groß, da sind sich alle einige.

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Als nächstes kehren wir bei Casa Gisbert ein. Das alte Geschäft mutet mit seinen unzähligen Gläsern und Säckchen wie ein alter Kramladen an. Es werden Nüsse und Trockenfrüchte aller Art verkauft, aber auch Getreide und Kekse. Spezialität sind die gerösteten Mandeln, die hinten im Geschäft in einem alten Trommelofen mit Eichenholz geröstet werden.

Wir verkosten diese gerösteten Mandeln, dann gebrannte Mandeln (garrapiñadas) und Mandeln mit weißer Schokolade umhüllt und in Kakaopulver gewälzt (Chocolate catànie). Bei den gerösteten Mandeln schmeckt man richtig das Holzaroma heraus, aber auch die anderen Sorten sind köstlich. Man merkt aber auch, dass die Mandeln selber sehr aromatisch sind. Ich diskutiere mit Norah über Mandelzucht und auch die ökologischen Probleme, die sich durch den hohen Wasserbedarf ergeben. Sie meint jedoch, dass der Wasserbedarf bei ihnen im Norden kein Problem darstellt.

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In einer unscheinbaren Nebengasse vom Passeig del Born besuchen wir die Pasteleria Hofmann. Dort verkosten wir jedeR ein halbes Croissant mit Mascarponefüllung. Das Croissant ist grob gesprochen ein Wahnsinn, aber hat wahrscheinlich als Ganzes so viele Kalorien wie ein üppiges Mittagessen. Aber diese sahnige Füllung und der blättrige Teig sind einfach ein Gedicht! Zudem hat der Laden Küchlein in witzigen Formen wie ein Kaktus oder ein Ei und der Cheesecake wird in einer Holzkäseschachtel serviert.

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Vom Viertel Born gehen wir nun nach Barcelonetta hinüber. Früher hat Barcelona mit der Hauptstrasse im Süd-Osten geendet, doch wurde die Stadt immer wieder durch Aufschüttungen ausgedehnt. So macht es geschichtlich Sinn, dass im Born früher all die Händler waren, da ja dort die Waren direkt am Hafen ausgeladen wurden. Später wurde das Viertel Barcelonetta „angefügt“, wo sich vor allem die Fischer niederließen. Erst zu den olympischen Spielen 1992 wurden die Strände errichtet – wobei der Sand aus der Sahara stammt und die Palmen auf der Promenade aus Ägypten. Wenn man heute am Strand entlangschlendert, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie dieser Bereich wohl vorher ausgesehen hat.

In Barcelonetta gehen wir die schmalen teilweise autofreien Gassen bis zum Plaça del Poeta Boscà, wo sich auch die Markthalle befindet. In der Bodega Fermin kehren wir auf einen Vermouth ein. Bodegas waren früher Weinhändler, die Wein direkt von den Weingütern auf dem Land in die Stadt holten und dort weiter verkauften. Man kam mit einem geeigneten Gefäß vorbei, tauschte mit den anderen Menschen in der Bodega den neuesten Klatsch aus und ging dann mit dem abgefüllten Wein wieder heim. Auch heute kann man dort noch Wein einkaufen, aber die meisten Leute kommen doch auf einen Schluck in die Bar vorbei.

Den Vermouth, den wir verkosten, hat nichts mit Martini & Co. zu tun, sondern ist mit Kräutern und Gewürzen aromatisierter Wein. So gibt es unzählige Varianten, je nach verwendeten Zutaten. Zum Vermouth verkosten wir einen kleinen Snack mit Oliven, Sardellen und Paprika – so was von köstlich!

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Letzte Station unserer Tour ist das Cal Papi, ein kleines Lokal im Barcelonetta, wo die Mama des Hauses direkt in der Küche steht und traditionelle Gerichte zaubert. Wir bekommen als Vorspeise frittierte Stockfischbällchen und als Hauptspeise Fideuà – eine Art Paella, aber mit Nudeln anstatt Reis. Mama Carmen begrüßt uns überschwänglich aus der Küche und ihre Fideuà ist wirklich phantastisch! Das Geheimnis ist anscheinend der Fischsud, der mindestens 3 Stunden kochen muss…

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Glücklich, satt und voller neuer Eindrücke und Geschmäcker verabschiede ich mich von Norah und der Gruppe und gehe an den Strand hinunter. Wer einmal in Barcelona ist, dem kann ich die Tour nur ans Herz legen. Die Gruppen werden bewusst klein gehalten, damit alle genug Infos bekommen, angesteuert werden stets familiengeführte traditionelle Betriebe. Es werden auch Touren zu weiteren Themen und in anderen Stadtvierteln angeboten.

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Was weiter in Barcelona passierte…

Natürlich war ich nicht wegen der Foodtour in Barcelona, sondern dienstlich. So trafen wir uns am ersten Abend mit zwei Mitarbeitern von „En comu“ der regierenden Partei der Bürgermeisterin Ada Colau, die 2015 einen spektakulären Wahlsieg in Barcelona gefeiert hat. Nach der Finanzkrise war die Lage in Barcelona ernst, die Unzufriedenheit stieg rasch und „En comu“ ist es gelungen, daraus eine erfolgreiche Wahlbewegung zu formen. Wir wollten erfahren, welche Herausforderungen eine Stadt wie Barcelona hat und wie BürgerInnenbeteiligung funktionieren kann.

Auch jetzt noch werden regelmäßige BürgerInnentreffen veranstaltet, wo auch die Bürgermeisterin regelmäßig auftritt und sich die Ängste und Sorgen der BürgerInnen anhört. Auf ehrenamtlicher Basis gibt es unzählige thematische Arbeitsgruppen, die sich für Verbesserungen in unterschiedlichen Bereichen einsetzen.

Wir schauen uns einen sogenannten „Superblock“ an, wo in einem definierten Gebiet die Regeln für den Strassenverkehr so verändert wurde, dass man nicht mehr frei durchfahren kann und so eine Verkehrsberuhigung erreicht wurde. Ich finde das super, das Leben spielt sich dort wieder auf den kleinen Plätzen und vor den Geschäften ab anstatt den gesamten Straßenraum den Autos zu überlassen. Aber wir hören auch, dass die Kommunikation von Seiten der Regierungspartei nicht immer so klappt und die Menschen oftmals die Maßnahmen nicht ganz verstehen, weil sie nicht erklärt bzw. angekündigt werden.

Ein weiteres Zukunftsprojekt ist der Lückenschluß der Tram, die derzeit bei Glòries einen Bogen nach Süden macht, anstatt in die Avenida Diagonal einzufahren und dort an die Tram im Westen anzuschließen. Anscheinend wehren sich alteingesessene (Luxus)Geschäfte an der Avenida Diagonal auf Höhe des Passeig de Gràcia wenn die Tram vor ihrer Geschäftstür vorbeifährt. Mir ist das nicht nachvollziehbar, warum Kunden nur mit dem Auto, aber nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommen sollten?

Wir wollen uns das alles vor Ort ansehen, beginnen beim Fòrum am Meer, nehmen die Tram bis Glòries und gehen die Avenida Diagonal nach Westen bis zum Anfang der anderen Tramlinien, um dort in Richtung Westen in die Vororte zu fahren.

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Ein weiteres Problem für die Stadt ist der immer weiter zunehmende Tourismus, der zwar Geld in die Stadt bringt, aber auch die Umwelt belastet. Nun gibt es Auflagen, dass in bestimmten Gebieten keine neue touristische Infrastruktur mehr geschaffen werden darf, damit sich die Touristen zumindest ein wenig über die Stadt verteilen.

Wir treffen uns mit Bekannten vor Ort im La Bona Sort im Born. Die Tapas sind traditionell bis ausgefallen, am besten ist der gegrillte Pulpo. Wir diskutieren über das Leben in der Stadt, die Umweltprobleme, die Lösungsmöglichkeiten. Wieder sind die Unabhängigkeitsbestrebungen Thema, die unfaire Behandlung seitens Madrid, was alles falsch läuft in diesem großen Spanien, wo die unterschiedlichen Regionen so unterschiedliche Bedürfnisse haben. Die Katalanen haben es in den letzten Jahrzehnten auch zu einem wirtschaftlichen Aufschwung gebracht, was sie noch selbstbewusster gegenüber Madrid werden lässt.

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Und zum Schluss noch ein Restauranttipp abseits der Touristenpfade im Eixample: im kleinen Restaurant Embat zaubert der deutschstämmige Koch wahre Kunstwerke auf die Teller. Das Restaurant ist modern gestaltet mit angenehmem Ambiente, aber klein. Platzreservierung unbedingt empfohlen.

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